Schlussstein, op. 22.2 (2008)

„Der Schlussstein (Wölbstein, Kolophon, Abhängling) ist der oberste Stein eines gemauerten Bogens oder Gewölbes. Es gehört zum mechanischen der Baukunst, zu wissen, wie der Schlussstein müsse beschaffen sein, dass der Bogen oder das Gewölbe dadurch seinen festen Schluss und seine Hältnis bekomme.
Die besondere Auszeichnung des Schlusssteines, wenn sie auch in nichts bestünde als dass man ihn über die Fläche der Mauer etwas heraustreten ließe, scheint darin ihren Grund zu haben, dass es natürlich ist das Ansehen der Festigkeit dadurch zu vermehren, dass man den Stein, auf den das meiste ankommt, dem Auge merkbar mache.
Es ist zur Gewohnheit gekommen, Schlusssteine als angeheftete Menschenköpfe zu bilden. Diese Zierrat, die in der Ruhm- und Rachsucht ganz wilder Völker ihren Ursprung hat, ist eben nicht zu empfehlen. Aber völlig ungereimt ist es an die Schlusssteine lebendige Menschen- oder gar als Engelsköpfe auszuhauen. Denn auch die ausschweifendste Einbildungskraft wird keinen Grund entdecken, warum lebendige Wesen den Kopf aus einer Mauer herausstrecken.“
(Johann Georg Sulzer „Allgemeine Theorie der Schönen Künste“ Band 2. Leipzig 1774, S. 1035.)