ll rallentamento della sarabanda, op. 12 (1993-1995)

Il rallentamento della sarabanda ist ein Versuch, die Geschichte der Sarabande - ihren vermutlich aztekischen Ursprung und ihre fast 200 Jahre dauernde Züchtigung - musikalisch zu kommentieren. (rallentamento (I): Verlangsamung; sarabanda (I): 1. (Musik) Sarabande, 2. (fig) lautes Spiel, Lärm, Krach)
Der erste spanische Moralist, der die Sarabande nachdrücklich verurteilt hat, ist Juan de Mariana (Tratado contra los juegos pùblicos, 1609). Er nennt sie ein laszives Tanzlied, das sich wie andere Laster in Spanien eingebürgert habe. Die früheste Erwähnung in einer iberischen Quelle ist ein königliches Edikt vom 3.8.1583, das unter Peitschen- und Galeerenstrafe, ja Drohung mit der Verbannung das Absingen der "Zarabanda" verbot. Vier Jahre später kommt das Wort als Name einer Frau von üblem Ruf vor.
1614 beschreibt Francisco Ortiz die Sarabande als eine Pest, die von einem weiblichen Dämon kommt; über ihren Ursprung gibt es zwei Ansichten: entweder stammt sie aus Sevilla oder aus der Neuen Welt und ist von dort nach Sevilla als dem einzigen für den Verkehr mit der Neuen Welt zugelassenen Hafen gebracht worden.
Die älteste datierte Sarabande steht in "Ramo de la Inquisiciòn" CXI-II des Nationalarchives in México. Sie wurde in Pàtzcuaro während der Fronleichnamsfeiern 1569 gesungen, und der Verfasser des Textes ("el criador es ya criatura, çarauanda ven y dura"), Pedro de Trejo, musste sich ihretwegen sowie wegen anderer Gottlosigkeiten 1572 vor der Inquisition verantworten.
Diego Duràn (1537-1588) nennt einen atztekischen Tanz als Analogon zur spanischen Sarabande. Er gibt an, den atztekischen Tanz, der trotz seiner Unzüchtigkeit von der Geistlichkeit erlaubt wurde, und bei dem Indianer in weiblicher Verkleidung aufgetreten seien, selbst gesehen zu haben. Allen Protesten zum Trotz wurde die Sarabande für würdig befunden, 1618 am spanischen und 1625 am französischen Hof getanzt zu werden. Um 1635 soll sogar der ernste Richelieu eine freche Sarabande zu Kastagnetten und Triangel getanzt haben, wobei er "sprang, pirouettierte, tollte und vor Freude kreiselte".
Nicht vor 1650 hat in Frankreich die Sarabande ihren übermütigen Charakter in Lieblichkeit verwandelt. Aber vor 1700 ist es wiederum in Frankreich, wo sich das Endstadium der Sarabande mit Tempoverminderung bis hin zum äusserst getragenen "Grave" beobachten lässt. 1768 nennt Rousseau die Sarabande "veraltet und ausser Gebrauch". Danach erscheint sie nur noch vereinzelt, meist langsam, in gemessener Eleganz und "an ein altes Portrait aus dem Louvre erinnernd" (Debussy).
1. Ritual/Il rito: Musikalische Grundlage ist das alte aztekische "Lied an Chac", das, bestehend aus nur wenigen Grundelementen, der Aesthetik nicht nur der Azteken entspricht, keine Formel genau zu wiederholen, sondern diese stets abzuwandeln, zu variieren.
Die formalen und räumlichen Grunddispositionen wurden von den zwei aztekischen Kalendern ("Jahreskalender": 18 Monate à 20 Tage und "Ritualkalender": 20 Wochen à 13 Tage) und von Beschreibungen aztekischer Rituale abgeleitet. (So sind die Violinen und Bratschen beispielsweise während allen vier Sätzen aufgeteilt in zehn Trios, bzw. Quartette und um das Publikum herum positioniert). Auch die Ideen zur Instrumentation basieren teilweise auf alten Beschreibungen aztekischer Instrumente. (z.B. "Omichicahuaztlis", ein Menschenknochen, in den Kerben geritzt waren, und der beim Darüberstreichen ein kratzendes Geräusch erzeugte.)
2. Begegnung/L'incontro: Zur quasi dramaturgischen Situation: einerseits trifft "Macuilxochitl" (Gott der Musik, des Tanzes, des Spiels, des Lachens und der Poesie) auf "Holcanokot" (ritueller kriegerischer Tanz), andererseits auf die europäischen Eindringlinge.
3. Überfahrt/La traversata (Intermezzo): Eine Art Verwandlungsmusik: von der alten, rascheren Sarabande (Praetorius) zur ....
4. Quasi Stillstand/Quasi fermata:...neu-eren, spätbarock-ernsten Sarabande. Ein Spiel mit zwei Zitaten der beiden Couperins.
Quellen:
1. "Lied an Chac, den Gott des Regens" (wahrscheinlich aztekisch, sehr alt, aufgezeichnet von Bernardino de Sahagùn) 2. Michael Praetorius Nr. 33 (Sarabande) und Nr. 38 (Courrant Sarabande) aus "Terpsichore" (1612, Wol-fenbüttel, Sammlung von 312 Tanzmelodien von Tanzmeistern aus Paris; mit den ersten überhaupt gedruckten Sarabanden) 3. Louis Couperin (1626-1661) "Oeuvres" Nr. 51 Sarabande, undatiert 4. François Couperin (1668-1733, Neffe des Louis) Sarabande grave "Les vieux Seigneurs" aus "Pièces de Clavecin, 4e livre" (Pa-ris, 1730)
Der Solistin Jacqueline Ott, dem Akademischen Orchester Zürich und seinem Dirigenten Johannes Schlaefli gewidmet. Im Auftrag der Präsidialabteilung der Stadt Zürich.

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1. Il rito

2. L’incontro

3. La traversata

4. Quasi fermata