Omaggio ad Italo Calvino, op. 10 (1993-1994)

Drei Sätze nach drei Geschichten des italienischen Schriftstellers Italo Calvino
(1923-1985) über mögliche Entstehungsszenarien der Erde. Calvino flocht
in jede seiner Geschichten, welche allesamt von quasi wissenschaftlichen
Zitaten* ausgehen, auch eine Liebesgeschichte:
1. Himmel aus Stein
*Die Geschwindigkeit, mit der sich die seismischen Wellen im Innern der
Erde fortpflanzen, variiert je nach der Tiefe und nach der
Diskontinuität des Materials, aus dem die Kruste, der Mantel und der
Kern des Planeten bestehen.
Zwei Wesen vergnügen sich im Innern der Erde. Sie lassen sich bisweilen
auf Lawaströmen an die Oberfläche unseres Planeten tragen und
erschrecken dann über den Lärm, die Hektik und das rasche Verfliessen
der Zeit bei uns "Ausser"-Irdischen.
2. Ohne Farben
*Bevor die Erde sich ihre Atmosphäre und ihre Ozeane ausgebildet hatte,
muss sie wie ein grauer, im Raum rotierender Ball ausgesehen haben. So
wie heute der Mond: wo ultraviolette Strahlen der Sonne direkt
auftreffen, werden alle Farben zerstört (...)
In einer durch und durch grauen Umgebung können sich die zwei ebenfalls
grauen Verliebten kaum sehen und wiederfinden. Da schlägt ein Meteorit
ein, Gase steigen auf und plötzlich wird die Welt in allen Farben und
Konturen sichtbar.
3. Meteoriten
*Nach den neuesten Theorien wäre die Erde ursprünglich ein winziger
kalter Körper gewesen, der dann allmählich grösser wurde, indem er sich
den Meteoritenstaub einverleibte.
Ständig fallen Steine und Staub auf eine anfänglich noch kleine Erde.
Die zwei Bewohner, die fortwährend den Schmutz wegwischen und die
Meteoriten orden, entfernen sich ob der wachsenden Grösse des Planeten
mehr und mehr voneinander. Am Schluss beobachtet der inzwischen einsame Mann in Ruhe das Anhäufen der Gegenstände. Dabei empfindet er die Erde, so wie sie nun geworden ist, als vollständig. Und trotzdem: immer wenn noch etwas herunterfällt (zB. das Kolosseum, der Po, das Telefonnetz,
etc.) scheint es, als ob gerade dies noch gefehlt hätte...
Während Dramaturgie und Ausformung des musikalischen Materials
weitgehend auf der literarischen Vorlage (Cosmocomics, Das Gedächnis der Welten, DTV) basieren, gehorcht die Behandlung und Entwicklung des
Materials - das systematische oder tastende Voranschreiten beim
Komponieren - eigenen musikalischen Gesetzmässigkeiten.