Blütenlese, op. 8 (1990-1991)

„Was nicht zerreissend ist, ist überflüssig, wenigstens in der Musik.“ Dies sagte der rumänische Schriftsteller E.M. Cioran im Pariser Exil. Und dieser Satz steht als Motto über dem Zyklus. Was ich nicht wollte: einen Mittelweg. Ich suchte die Extreme im Hellen wie im Dunkeln.
Stechen, stossen, spalten, splittern, bersten, klaffen, zerreisen, einritzen, schneiden, säbeln, trennen, zehren, abhäuten, Haut, Hode, umhüllen, winden, schwingen, Wehen, zittern, weiblich, reiben, bohren, drehen, drücken, stossen, schlagen, Geschlecht, tönen, singen, klingen, schallen, klappern, bersten, platzen, stechen... Oft gehen verschiedene Worte auf einen gemeinsamen Ursprung zurück. Sie sind somit unterschwellig mitinander verbunden, auch wenn ihre Bedeutung heute kaum mehr Gemeinsamkeiten vermuten lässt.
In Blütenlese verwende ich oft madrigalistische Verfahren: alle Worte haben eine Bedeutungsgeschichte. Anstelle der Darstellung der oberflächlich-modernen Bedeutung der Worte steche ich sozusagen durch das einzelne Wort (ZB: Himmel) hindurch, gehe ihm „unter die Haut“ und entdecke Unerwartetes. (ZB: eine uralte Vorstellung des Himmels als Steingewölbe und seine Verwandschft mit dem Wort „Hammer“.) Nun setze ich diesen etymologischen Hintergrund sehr direkt und musikalisch fast naturalistisch um. (ZB: Nr. 1 „Il carnato del cielo“)
Die Themen der „Blütenlese“ sind wie Kreise, die sich gegenseitig überlagern. Der Inhalt ist nicht klar zielgerichtet, vieles bleibt widersprüchlich: warme, erotische und nachdenkliche Liebe; nüchterne Gedanken über Macht, Gehorsam, Gott und Tod; schmerzvolle Anklagen, verzweifelte Liebe; Grausamkeit an Unschuldigen; Selbstversunkenheit und tiefe Depression; Flucht, Traum, nicht enden wollender Albtraum... Der Zyklus weist ganz klar eine fallende Tendez auf.
„Die Nadel“ – das schwarze Herz der „Blütenlese“. Hier treffen sich fast alle Themenkreise. Im Traum ist die logische Kontinuität von Raum und Zeit aufgehoben. Der Tod kann erlebt und überwunden werden. Diese Einsichten werden zur Gestaltungsidee: Das eben noch im Wachen Erlebte (Nr. 1-13) wird nun in traumhaft unlogischer Weise zu einer Art Repise zusammengefügt. (Bestehend aus hunderten von winzigen Partikeln der vorangegangenen „Sätze“) Als Beispiel diene der Anfang des Textes:
• „und“ kam im Zyklus bereits mehr als 15mal vor. Ich wähle die Musik von Nr. 2 („hin und wieder“), einen gesummten Akkord (b/e’/as’);
• „wieder“ kam bisher nur einmal vor: ebenfalls in Nr. 2. Ich verlängere also einfach die Stelle um die beiden Töne d’-g’, vom Sopran gesungen, während der Chor weiterhin den „und“-Akkord summt;
• „stach“ kam bisher nicht vor. „Stiche“ hingegen komponierte ich bereits einige. Ich wähle einen von Nr. 1: hoher Schrei sowie Arabesken von Orgel, Cembalo und Glockenspiel. Mit „stach“ verwandt sind nun weitere Worte des Textes: „stiess“, „klaffte“, „-öffnung“, „Nase“, „-zäpfchen“. Ich leite nun bei diesen Worten immer Musik direkt von diesem ersten Stich ab.
Sticht man durch die Oberfläche des Wortes „Anthologie“, erfährt man von seiner griechischen Herkunft: „Antos“ (Blüte) und „legein“ (lesen, sammeln). Der Titel „Blütenlese“ weist somit einerseits auf einen meist „musikalisch-etymologischen Umgang“ mit dem Text hin, andererseits aber auch auf die Gesamtform des Zyklus: „eine Auswahl von Sprüchen, Gedichten, Zitaten und Prosastücken ohne Lehrzweck“. (Brockhaus-Lexikon)
Die „Blütenlese“ sollte möglichst in einem sakralen Raum aufgeführt werden. Wo, wenn nicht hier, wären Zweifel, Suchen, Lieben, Verzweifeln oder gar Anklagen, Denken und Irren mehr am Platz?