"Keyner nit" op.20 (2005-2010) Kammeroper in fünf Akten

KEYNER NIT
Der Hunger, hier und jetzt, ist weitgehend verdrängt: man is(s)t übersättigt. So richtet sich unsere Gier auf Sekundärziele: wir träumen von Geld, Karriere, Feinschmeckerlokalen, Liebe, Sex, Information, Kult und Kultur. Oder anders, spätbarock-wollüstig ausgedrückt wir sind „L’homme machine“. Immerhin: Kannibalismus ist seltener geworden... Dennoch sitzt uns die Angst im Nacken! Denn völlig gefahrlos ist der reale Hunger der anderen ja auch nicht gerade! Und: Wie rasch werden die zugeschütteten Abgründe des Menschen aufbrechen, geht uns erst einmal das Oel aus? - Werfen wir also einen Blick aufs Gestern und Morgen, auf diktatorische und anarchische Zustände, auf einen allgegenwärtigen Hunger und schlitzohrige „Demokratisierungsversuche“, wo hehre Kunst und erhabene Gedanken nur noch in Träumen eine Rolle spielen.
Ueberzeichnete Macht- und Raffgier, Sehnsucht nach lüsterner Ausschweifung oder romantischer Liebe, künstlerische Geltungssucht, Hunger und schlichter Ueberlebensdrang sind die Triebfedern eines Szenarios auf zwei Ebenen.

So ist KEYNER NIT einerseits ein derbes und deftiges Scherzo, ein groteskes Märchen aus einem fiktiven Pseudo-Mittelalter, wo Hungersnöte und die Constitutio Feudis das Leben bestimmen und wo feine Zivilisationsschichten zusehends zerbröckeln. Es erzählt von vertrauten Gewohnheiten in alten Zeiten: dem Hunger und dem Fressen, der Anarchie und dem Gottvertrauen, der Lust und der Moral. und davon, wie die Herrschaft sich teils selbst verzehrt, teils hinrichtet, teils selbst(-)mordet, so dass ein System zerbricht, bevor es überhaupt errichtet werden kann. Ein nahezu anarchisches Ende schreibt fest, „dasz keyner nit das Sagen hat!“
Auf dieser Ebene treten auf: Ein Marconte (weder Marchese noch Conte), ein frisch verehelichter sagenhafter Emporkömmling, mit unwarscheinlichen drei Eyern. Vargina, sein ihm angetrautes und ewig unbefriedigtes Weib, und allergeliebteste Dochter des Königs. Aufmüpfige Untertanen, ein paar heruntergekommene Soldaten, sowie Frater Kapuzo. Als frisch gebackener Lehensherr will der Marconte nach langem und entbehrungsreichem Herumirren sein halb verfallenes Erbschloß beziehen und die Bauern mit Abgaben pressen. Alle haben Hunger, nicht nur auf ordinäre Schweinswörste... Doch der Marconte und sein Gesinde haben die Rechnung ohne Migone gemacht, den bauernschlauen Anführer der Dörfler. 

KEYNER NIT zeigt uns ein ganz anderes Mittelalter, mit Rittern als Jammerlappen, Pfaffen als Fahnenschwingern der Herrschaft und Bauern als Schlaubergern. Und in einem handelt dieses anarchische Szenario auch von unseren Zeiten: Alle wollen an die Macht, aber keiner nimmt sie ernst...

KEYNER NIT ist aber auch ein Traumstück: Es wird geträumt von unerfüllbaren Wünschen und existenziellen Äengsten. Phantasiert wird vom anderen Ende des Hungers, d.h. von unendlich exquisiten Leckerbissen oder davon, wie sich der Meisterkoch Gaston Ouralphe in seiner Gourmetküche mittels seiner Kunst vor den Klauen des Teufels rettet. Geträumt wird schliesslich noch von rein geistiger Nahrung: von philosophischen Monologen des wollüstigen, an einer vergifteten Pastete verschiedenen de Sade Antipoden, Julien Offray de La Mettrie (1709-51).

KEYNER NIT ist keine rein narrative Oper: während gewisse Teile zwecks hyperveristischen Affektballungen bewusst und lustvoll eine Erzähl-Oper zulassen, werden andererseits auch stehende Bilder oder oratorienhafte Momente ermöglicht. (Zeitlupe, Zeitstillstand, Zeitschichtungen)
Neben einem Einheit stiftenden System der Intervallik und der Farbgebung ist die dezente Verwendung verschiedener pseudostilistischer Anleihen Konzept! Dies wird u.a. auch durch die Besetzung unterstrichen, welche veraltete, alte Instrumente imitierende U-Musik-Instrumente verwendet: Hammond-Orgel und Clavinet.

Der Titel "KEYNER NIT" bezieht sich auf eine Sammlung von Nonsensgeschichten der italienischen Novellenliteratur des vierzehnten Jahrhunderts, der auch die Bedeutung des Worts geprägt hat: eine Sammlung liederlicher, satirischer, heillos verworrener Erzählstücke.

Genaue Besetzung:

KEYNER NIT kann in ca. 120 Minuten mit 7 Sängern (alle in verschiedenen Rollen), 7 Musikern (Flöten, Klarinetten, Horn, Schlageug, Tasteninstrumente, Violine und Violoncello), etwas Elektronik und einem Dirigenten aufgeführt werden:
Sehr hoher Sopran:
VA 1 1/3 Varginia
AD Adelaide
ein schwarzer Vogel
Koloratursopran (hinter der Bühne)

Hoher Sopran:
VA 2 1/3 Varginia
JM Junges Mädgen (Dörflerin) (+kl. Mundharmonika)
Tablett-Trägerin

Sopran:
VA 3 1/3 Varginia
ein schwarzer Vogel
Tablett-Trägerin
Dörflerin

Altus/Bariton:
MA Il Marconte de Tripalle Dörfler

Tenor:
FK Frater Kapuzo
GO Gaspard Ouralphe
UF Ulfredo Dörfler
ein schwarzer Vogel

Bariton:
MI Migone (Dörfler)
TE Teufel

Bariton:
LaM Julien Offray de La Mettrie
MF Manfredo

Die Instrumentalisten spielen neben ihren Hauptinstrumenten auch „Nebeninstrumente“. Hier die vollständige Liste:
Flöte: C-Flöte (mit h-Fuss), Piccolo, präparierter Dudelsack (c, fis), 2 präparierte Blockflöten, hölzernes Metronom, Bahu (chinesische Flöte), Stimme, Bass-Flöte in C (klingt eine Oktave tiefer wie notiert, sollte auch auf einem Ständer montiert sein. Zudem: Gummizüge zwecks Schliessen der Klappen), Schreckschuss-Pistole (mindestens 6 Schuss), Lotos-Flöte (ca. e2-e4), Brummtopf (von Schlagzeuger ausleihen)
Klarinette: Klarinette in B, Bassklarinette, Alt-Saxophon in Es, grosse Trommel (bei Schlagzeug, S. 184ff)
Horn: Horn, grosse Trommel bei Schlagzeug (S. 40-42), Snare-Drum mit zwei Besen, Mundsirene, elektronisches Metronom (tonlos)
Schlagzeug: ein kleines und ein grosses Becken (auch mit „Sizzle-Kette“), grosse Trommel, kleine Trommel (mit Schnarrsaiten), Tamtam, einzelne Röhrenglocken (d1, e1, fis1, cis2), 6 Cow-Bells (cis1-fis1), 17 Ballone + Nadel-Schlägel, Mundsirene, Tamburin mit Schellenkranz und Fusspedal, Konservendosen-Chimes, 3 hängende grosse Konservendosen, Triangel, Vibraphon, 2 Brummtöpfe (einer für den Flötisten), Knochen oder Holz (um mit „kracks“ zu zerbrechen), spezieller Designer-Schwingbesen-Schlägel, Spiel im Innern des Flügels, Beckenpaar (unteres Becken waagrecht auf Ständer montiert, mit dem anderen Becken von oben dagegen schlagen.), 2 handgrosse, flache Flusssteine (Reibgeräsch), kleine Mini-Plastik-Rätsche, ev. Hi-Hat (S. 65), Tringel, lange Rute (Windgeräusch), Guiro (mit Kreditkarte), Metal-Chimes, Glockenspiel (mit Pedal: c2-c5), 2 Peking- Operngongs (ca. dis2 + e2), 2 Styropor-Platten und Sandpapier (Reibgeräusche), 2 Plektren, 1 Steeldrum, sehr kleines chinesisches Handbecken mit Samtgriff, Bogenhaare im Klavier, Snare Drum und 2 Besen für den Hornisten, altes Grammophon (+Schellack-Platte), Federkiel, Vibratone (zu hohes es“)
Tasteninstrumente: Flügel, Hammond a100 mit Lesley, Hohner Clavinet D6 (ab 3. Akt mit zwei mikrotonal umgestimmten Tönen: a1 Viertelton tiefer, g1 Viertelton höher) mit Yamaha Effektgerät (Magicstomp), Verstärkung und Volumenpedal, Melodica mit Blas-Schlauch (f-f3), kleine Schamanenschelle mit hartem Schlägel, kleine Mundharmonika in C-Dur (Hohner „Little Lady“), 2 kleine Keile (zwecks Arretierung von Orgeltasten), Kleiderbürste (mit leicht gerundeter Holzrückseite), Spieldose (mit Kontaktmikrophon verstärkt und auf das Clavinet geklebt: mit einer Hand drehend die Knacklaute und Töne erzeugen.), hartes Plektrum, Bogenhaare (ohne Bogen)
Violine: Violine, Stimme (Hahn), Plektrum, Hoteldämpfer, 1 Bongo-Paar (zwischen Vl. Und Vc. positionieren, da es von beiden bespielt wird), Guiro + Kreditkarte (von Perc. ausleihen), kleiner Schrill-(Alarm-)Spray (ca. f3), kleine Mundharmonika in C
Violoncello: Violoncello, Guiro + Kreditkarte (von Perc. ausleihen), Stimme (Kuh), Plektrum, 1 Bongo-Paar (zwischen Vl. Und Vc. positionieren, da es von beiden bespielt wird)
Zusatzinstrumente für die 7 SängerInnen:
Ulfredo und Manfredo: 2 grosse und 2 kleine Marakas Dörfler: 6 Tamburine ohne Schellenkränze; ev. mehrere Spieldosen (S.222)
Einfache Elektronik: Einspielungen von Geräuschen und Verstärkungen.

Mögliche Orte und Zeiten:
Castello de Tripalle (Tibertal, fiktives Mittelalter), eine Gourmetküche (Paris: spätes 19.Jahrhundert) und ein soeben beendetes Gelage (Potsdam: 11.11.1751), sowie Traumsequenzen.
Die Quellen des Librettos, zusammengestellt von Mathias Steinauer:
1) der roter Faden: imaginäre und destillierte Szenen aus Luigi Malerbas‘ pseudo-mittelalterlichem „Pataffio“. (in der Uebersetzung von Moshe Kahn)
2) zu Traumsequenzen verarbeitete philosophische Textfetzen von J.O. de la Mettrie „Die Maschine Mensch“ (1747), „Die Kunst, Wollust zu empfinden“ (August,1751), sowie „Le petit homme à longue queue“ (Oktober,1751)
3) quasi faustische Dialogfragmente arrangiert zu Traumsequenzen aus „Der grösste Koch von Frankreich“ von Stefano Benni. (aus: Die Bar auf dem Meeresgrund: Unterwassergeschichten)

Das Figurenkabinett:
Il Marconte de Tripalle
, Belloculus de Cagalanza (Altus, zuerst Bariton) Emporkömmling, frisch verehelicht mit Varginia. Er ist abgemagert und immer hungrig, später kastriert. Ein übler Machtmensch. Als neuer Lehensherr will er die halbverfallene Burg in Besitz nehmen und Abgaben pressen. Aber allmählich dämmert es ihm, dass ihm seine Mitgift „ein Possessionibus von grozsem Scheiszdreck“ beschert hat.
Musikalische Aspekte: Sein Instrument sind die Flöten (zuerst der präparierte Dudelsack). Sein Intervall, weder Quinte noch Quarte: der Tritonus.
Varginia, die Marcontin (3 Sopranistinnen)
Königstochter,soeben getrautes, ewig unbefriedigtes Weib. In ihr potenziert sich das Verlangen (drei Frauenstimmen!). Ueberaus grosse Leipesfülle.
Musikalische Aspekte: Aus ihr singen drei z.T. extrem hohe Stimmen: eine Sängerin ist sichtbar (Kopf), die zwei anderen singen sind versteckt in ihren „Brüsten" drin. „Canto grasso“, geil und fett, durchzogen mit stöhnendem Atem und fliessenden Vokalumfärbungen. Ihre Instrumente: das Horn und das Cello (Tristan-Sehnsüchte). Ihr Intervall ist die kleine Sexte.
Migone von Speckackio (Bariton)
Schlitzohriger Anführer der Bauern und Hundebesitzer
Musikalische Aspekte: sein Instrument sind die Klarinetten, sein Intervall ist die Quarte.
Frater Kapuzo (Tenor)
Ein Pfaffe im Dienste des Marcontes. Eigentlich füllig, trotzdem Hunger leidend.
Musikalische Aspekte: sein Instrument ist die (Hammond-) Orgel, sein Intervall: die Quinte.
Junges Mädgen (Hoher Sopran)
Dörflerin;
Musikalische Aspekte: ihr Instrument: Melodica; ihr Intervall: die grosse Sekunde
Adelaide (Sehr hoher Sopran)
Frater Kapuzos‘ erotische Erscheinung im Traum
Musikalische Aspekte: ihr Instrument: das Glockenspiel; ihr Intervall: die kleine Sekunde
Ulfredo und Manfredo (Tenor und Bariton)
Oberste Waffenkämpfer des Soldatentrupps. Ein Liebespaar. Wenn sie singen, sind sie unsichtbar: Ihre Stimmen können also mit den vorhandenen Sängern besetzt werden. Sind sie sichtbar auf der Bühne, sollen sie stumm von Musikern gespielt werden.
Musikalische Aspekte: ihr Instrument: die kleine Trommel und das Vibraphon.
Gaspard Ouralphe (Tenor)
Als ehrgeiziger Küchenchef des Bon-Bon (*****) gilt er manchen als der beste Koch von ganz Frankreich. Er ist klein und rund. Mausaugen, Stirnfalten, kurzer gegabelter Kinnbart. Haare in Kaviarton, brillantiniert. Auf dem Kopf: Kochmütze. Er trägt Weiss, bis auf einen Seidenschal mit aufgedruckten Steinhühnern. Dazu Tanzschuhe.
Musikalische Aspekte: sein Instrument ist das Klavier. Sein Intervall: die kleine Septime. Er hört gerne „Ombra leggiera“ aus der Oper Dinorah von Meyerbeer.
Der Teufel (Bariton)
Zuerst ist er ein erhängter Hund. Dann erwacht er zu neuem Leben und verwandelt sich: unter den Hinterläufen tauchen schwarze Lackschuhe hervor. Schwanz. Rote Samthose. Rubinring. Schwarzgelockt. Schnauzer und Kinnbart. Wenn er lächelt: was für Zähne!
Musikalische Aspekte: sein Instrument ist die Violine. Sein Intervall ist die (verminderte und übermässige) Oktave.
Julien Offray de La Mettrie (Bariton)
Französischer Arzt und Philosoph (1709), Antipode von de Sade. Einer der meist geschmähten Denker der französischen Aufklärung. Seine „scandaleusen“ Schriften wurden verboten, konfisziert und verbrannt. Er starb am 11.11.1751 an einer vergifteten Trüffelpastete.
Musikalische Aspekte: sein Instrument ist das Clavinet. Er entwirft Intervallsysteme.
Sowie: Drei schwarze Vögel, ein Frommer, ein toter Soldat, Dörfler, zwei Tafelträgerinnen, ein Hund, Marionetten...